Ein kleines Resümee

Seit ich in Peru war, vor allem, seit ich mich an meinem letzten Tag in Lima lange mit Gina unterhalten habe, reagiere ich gereizt auf „Bettler“. Ich weiß nicht, ob das angemessen oder überzogen von mir ist. Doch dieser Wandel in meinen Gedanken zeigt mir, dass es in mir arbeitet.

Viele Gespräche nach meiner Rückkehr modifizierten meine Gedanken, meine Ideale, meine Sicht der Dinge – und zwar schneller und tiefgründiger, als gewöhnlich. Es ist, als sei mein Weltbild ein Zauberwürfel, der eine Weile mit einer roten und einer weißen Fläche teilgelöst in der Ecke lag, und der nun wieder gedreht wird – flexibel und schnell.

U-Bahn-Gedanken
Ich saß nach meiner Rückkehr in der U5 in Berlin, als ein junger Mann durch die Gänge zog, sein Leid klagte und ein paar Euro erbat. Ich musste an mich halten, ihn nicht vorzuführen, ihm nicht wütend zu empfehlen, sich an eine Beratungsstelle für Straßenkids zu wenden. Doch ich besann mich. Denn mir fehlt Hintergrundwissen. Ich weiß nicht, wie leicht man tatsächlich zurück ins Versorgungssystem unseres Staates zurückfinden könnte, wenn man sich nur bemüht und sich vom Verteilen des „Straßenfegers“ loslöst. Ich weiß nicht, welche Lücken es im Sozialleistungsdschungel gibt, und auch nicht, welche Wege zu wirklichem Hunger in unserem Land führen können. Derart zu reagieren, nur weil ich gesehen habe, unter welchen schweren Bedingungen Leben auch gelingen kann, wäre arrogant.

Einige Tage später saß ich dann mit meiner Freundin gesprächig im Auto und posaunte naiv heraus, dass ich zwei, drei Wochen sicher ohne Strom auskäme (Thema war die Energiewende). Was für eine unbedachte Aussage, denn erproben konnte ich es bisher noch kein einziges Mal. Sie hingegen schon. Ich wurde kleinlaut, vieles hatte ich nicht bedacht, nur an die Familien in Sondoveni gedacht, die tagein, tagaus ohne Strom und fließend Wasser leben.

Was ist richtig?

Schon während meiner abenteuerlichen Tour hatte ich mich immer wieder gefragt, ob DAS richtig ist. Ob „Naturvölker“ lesen und schreiben müssen, Straßen brauchen… Doch vielleicht ist die Sachlage ganz klar „Ja“? Ein Blick auf den aufgeblähten Bauch eines Mädchens genügt, um dies zu belegen. Und auch gibt es eine Welt drumherum, eine Welt, in der man Steuern zahlen muss, eine Welt, in der die Erde mit ihren Rohstoffen nicht einfach jedem gehört. Der Punkt, an dem ein Leben in Selbstversorgung gelingen kann, ist längst überschritten. Das, was in Deutschland ja mittlerweile hip ist, drängt die Naturvölker in Peru ins Leid. So simpel und abgedroschen es klingt: Die Welt dreht sich weiter. Die Menschen wuseln weiter.

Und so kam ich immer wieder ins Grübeln. Dachte über Lebensstandards nach, über Werte, über Lebensziele, Lebensinhalte und sonstige mehr oder weniger relevante Themen, deren Diskussion hier zu weit führt. Doch am Ende bleibt der Zauberwürfel noch immer bunt und ungelöst.

Sig

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