Full of love

Das erste Wort, dass mir in den Sinn kommt, um diesen heutigen Tag zu beschreiben ist „Wow“. Ein absolut beeindrucktes aber auch sehr nachdenkliches „Wow“. Es scheint nicht einfach zu sein, die Komplexität Südafrikas mit seinen zwei Gesichtern zu verstehen. Ich habe gestern die wundervollen Seiten gesehen: Menschen, die mir freundlich und mit einem echten und warmen Lachen im Gesicht zuwinkten, wunderschöne Meeresbuchten – ein scheinbar freies und leuchtendes Kapstadt. Und in dieser so perfekten Welt erscheint das, was ich nun heute gesehen habe vollkommen deplatziert.

Richtet man seinen Blick beim Überqueren der Landstraße von Kapstadt in Richtung Grabouw starr gerade aus, kann das perfekt gemalte Bild der heilen Welt aufrecht erhalten werden. Sonne, Berge und das Meer. Ein Blick nach Links oder Rechts malt ein anderes Bild: Kilometerlang reiht sich eine Wellblechhütte an die andere, blau, grün, grau, Müll. Provisorisch errichtete Strommasten, die sogenannten „Spiders“, hängen wie ein Netz über den Dächern der Townships, Glasscherben im Sand reflektieren die Sonnenstrahlen, und mittendrin die Kinder. Doch nur 20 Minuten später ist sie wieder da, die heile Welt. Riesige Shopping-Malls in kleinen Städten zwischen langezogenen unbelebten Landstrichen erinnern hier eher an Szenen aus „Die Brücke am Fluss“, vergessen die Kinder am Straßenrand? Nicht vergessen sondern ausgesperrt lassen die Schilder „Armed Response“ vermuten, die hier an jeder von Stacheldraht umzäunten Villa zu sehen sind. Wow, what’s wrong here?

Ich war sehr froh, endlich das Village of Hope zu erreichen, eine Insel die mich in meinen Gedanken aufgefangen hat und voll von jungen Menschen ist, die bis in die Nacht hinein werkeln, hämmern und sägen um für Kinder aus eben jenen Townships ein vorübergehendes sicheres Zuhause zu schaffen. Wow!

Und dann kam noch ein „Wow“: Ich habe Tim Walker von Thembalitsha kennengelernt und bin einfach nur beeindruckt. Es würde den Rahmen dieses Blogs sprengen, über all‘ die Projekte im Township zu berichten, die Tim uns gezeigt hat. Dennoch soll zumindest ein Teil der großartigen Arbeit hier Platz finden.

Mit Tim unterwegs in Grabouw

Gegen Mittag machten wir uns in einer kleinen Gruppe auf den Weg nach Grabouw. Tim hat eine Kooperation mit einem nahe gelegenen Lokal aufgebaut: Jeden Freitag holt er hier einen großen Topf Suppe und verteilt diese an Kinder im Township. Nachdem wir die Suppe in Töpfe umgefüllt und eingeladen haben, fuhren wir zur ersten Station, einem Kindergarten im Township. Dort wurden wir herzlich von einer Gruppe Frauen empfangen. Mir schossen die Tränen in die Augen, als die Gruppe zusammen mit Tim zu beten begann und sich für die Gabe bedankte. Es war ein Moment full of love und es dauerte nicht lange, bis all‘ die Kinder mit ihren Tupperdosen, leeren Margarineschachteln oder kleinen Plastikschalen kamen und sich zum Essen anstellten. Thank you Tim for your great great work.

Das Haus einer Tagesmutter in der glühenden Hitze am Fuße eines Berges gelegen, war unser nächster Stopp. Hier gibt es keine Spiders, kein fließend Wasser, keine sanitären Anlagen. Die Wellblechhütte besteht aus zwei kleinen Räumen und einer Mini-„Küche“. Auf dem Boden hat die Tagesmutter Decken ausgelegt, die Wimpelfahne an der Decke ist freundlich, ein kleines Mädchen hört nicht auf zu weinen und ich kann es kaum realisieren, dass auf diesem Boden acht Babys liegen und schlafen. Das Dach besteht aus Pappe, Ästen und Wellblech. Wir füllen die Suppe in einen Topf um, fragen, ob alles soweit in Ordnung ist und gehen wieder. Such a hard life.

Und trotz all‘ dieser Umstände sieht man nur lachende Gesichter, wenn Tim an den Hütten im Township vorbeifährt und hier und da einige Kids mitnimmt, um ihnen den schweren Weg durch die Mittagssonne etwas abzukürzen. Zwei der Jungs tragen einen riesigen Kanister Öl durch die Gegend. Tim erklärt uns, dass die beiden das Öl an der Tanstelle holen und den langen Weg vom Tal den Berg hinauf laufen um ein paar Rand zu verdienen. Die zwei sind sichtlich froh, das Tim sie mitnimmt.

Und überall am Straßenrand warten nun die Kinder auf die Suppe, die Tim ihnen bringt. Leider ist bald die letzte Kelle ausgegeben und einige Kinder gehen leer aus. „We can transport 2000 Liter of the soup and it wouldn’t be enough“ erklärt er. Und alles was wir nun tun können ist, den Kindern zurück zu winken und zu hoffen, das sie ihren Hunger heute trotzdem irgendwie stillen können.

Wir waren insgesamt zwei Stunden unterwegs. Zwei Stunden die für Tim kaum ausreichten um uns die Geschichte Grabouws, die Probleme, die Versuche der Regierung einige dieser Probleme zu lösen, die Trennung der Bevölkerungsgruppen und so viel mehr zu erklären. Ich war richtig froh, nach unserer Rückkehr Hannes beim zurecht sägen einiger Bretter etwas helfen zu können und schließlich mit zwei der Kinder auf dem Trampolin herum zu springen. Warum auch nicht? Die zwei Kinder wurden vom Jugendamt in einem vollkommen verwahrlosten Zustand aufgegriffen und ins Village gebracht. Nichts ist schöner, als zu sehen, wie diese Kinder dann mächtig darüber lachen können, gemeinsam mit „den Großen“ auf einem Trampolin herumzuspringen.

Just „Wow!“.

Regards,

sign_Stefanie

PS: Aufgrund einer aktuell sehr mageren Internetverbindung, werde ich Fotos nachreichen.