Praktikum als Nonne

…so könnte man meine Seelen-gut-tuende Reise auch bezeichnen, da ich hier ins Klosterleben ja doch recht eingebunden bin.

Ich habe drei wirklich volle, aber auch tolle Tage hinter mir und war ob der vielen Eindrücke vorhin schon beinahe etwas am Verzweifeln. Heute fuhren wir, d.h. Sr. Columba, Sr. Josephina und ich nach Chipole, einem Ort, der sozusagen das Pendant zu Peramiho ist, jedoch „more simple“ und ausschließlich mit einheimischen Schwestern. D.h. wir schauten dort bei den Schwestern vorbei, besuchten die Grund- und die Sekundarschule, besuchten einige administrative Einrichtungen (z.B. der Ort, an dem die Elektrizität für das Dorf per Wasserenergie erzeugt wird) und am Ende auch ein Waisenhaus für Kleinkinder.

Ich selbst war am Anfang des Tages auf einen Kurztrip mit einem kurzen Einblick in ein anderes Konvent eingestellt, doch es wurde wieder mehr… Und nachdem ich vermutlich zuviel nachdenke, war es fast zuviel mehr und ich konnte noch nicht alles in die passenden inneren Schubladen sortieren.

Ich versuch’s mal ganz hier:

Während der Fahrt habe ich meine Blicke wieder viel über die Lehmziegelhäuser streifen lassen und z.B. beobachtet, dass die Kids hier Dinge spielen, die vermutlich unsere Großeltern noch kennen. Z.B. einen Reifen mit einem Stock rollen lassen. Und sie spielen – das kenne ich auch noch, jawolla – „Hoppse“.

Man sieht außerdem natürlich viele „Nutz“tiere, vor allem Hühner, Ziegen, Kühe und ab und an ein Schwein (lebendig, aber auch mal tot auf dem Gepäckträger eines Fahrrads) – diese sind lebenswichtig für die Menschen hier. Genauso wie all‘ die Bete. Hier ist Selbstversorgung (z.B. auch per Solar“anlagen“ vor den Häusern, ca. 1m² groß) angesagt, das, was wir uns für Deutschland in so mancher Revoluzzer-Nische wieder wünschen.

Wohin soll’s gehen?

Wenn man an Afrika denkt, denkt man ja oft an diese Schockerbilder von den knochigen, mit Fliegen besiedelten Kindern. Die gibt es irgendwo in Afrika sicher auch. Doch hier in der Gegend ist Unterernährung scheinbar und glücklicherweise nicht allgegenwärtig. Ich bemerke eher viele Kinder, die während der Schulzeit auf dem Feld arbeiten, statt zu lernen. Ich sehe aber auch viele Kinder mit Fehlbildungen und viele mit großen Narben (z.B. Brandnarben). Und ich weiß, dass HIV, Malaria und generell der Gesundheitszustand ein Problem ist. Und ich frage mich, wie um alles in der Welt, man in diesen Häusern leben kann? Die Häuser sind dunkel (es gibt keine Fensterscheiben und die Fenster sind in vielen Häusern mit blauen Folien abgehangen), feucht, „offen“ und irgendwie steht da auch viel (was man so auf die schnelle sieht) Zeug drin rum.

Ich war heute in einem Zimmer einer Schwester in Chipole, weil ich pipi musste. Da ist mir eine ziemlich große Kakerlage begegnet. Und DA hört bei mir der Spaß dann auf, da würde ich untergehen und würde ausreißen wollen, wenn ich in diesem Zimmer wohnen müsste… Aber so leben die Menschen hier. Man ist ständig dreckig von der roten Erde, wenn es kein fließendes Wasser gibt, hat man zudem auch vermutlich überdurchschnittlich große Bakterienherde auf den Händen, Kühlschrank und Waschmaschine gibt es natürlich auch nicht. Nun frage ich mich ja oft, ob es denn sein muss… ob es nötig ist, den westlichen Standard nach Afrika zu bringen. Ich habe darauf keine Antwort. Unserer Erde tuen die Menschen hier sicher am wenigsten weh, die Umweltbelastung ist, denke ich, relativ gering. Aber sich selbst tun sie vermutlich zu oft weh, durch zuviel Nachwuchs, durch Krankheit, resultierend aus Armut, resultierend aus Arbeitslosigkeit.

Wohin also soll der Weg all‘ der Entwicklungshilfe führen? Das frage ich mich ständig. Ich habe keine Antwort.

„Christus – Unsere Hoffnung“

„Mission“ – was bedeutet das? Auch das fragte ich mich heute. In Chipole begrüßen sich die Menschen mit „Kristus“ – „milele. Amina“ (Christus – für immer, Amen) oder „Christ“ – „our Hope“ (Christus – unsere Hoffnung). Das kann man sicher mit dem „Grüß Gott“ in Bayern vergleichen. Schön und gut, stehe ich persönlich nicht so drauf, da ich es bei vielen so aufgesetzt empfinde wie ein „Wie geht’s“, wenn die Antwort nur „gut“ lauten darf. Jetzt kommt in Orten wie Chipole aber die starke Präsenz katholischer Einrichtungen hinzu, in denen man 500 Kinder und mehr findet, die Sonntagmittag in der Schule (die Kinder wohnen hier überlicherweise in großen Schlafsäulen auf dem Schulgelände, da die Wege zur Schule für viele zu weit sind) gemeinsam den Rosenkranz beten. Und da ziehen sich dann meine Augenbrauen zu einem kritischen Blick zusammen.

In Deutschland gibt es ja ebenso jede Menge Einrichtungen in der Hand der Kirche, und dort ist das Christ-sein fester Bestandteil. Doch in Deutschland hat man die Wahl, staatliche Einrichtungen sind nicht schlechter, man kann sowohl mit einem morgendlichem „Vater unser“ als auch ohne das Abitur schaffen.

Hier in Tansania sieht die Welt ein wenig anders aus. Dort sind die Alternativen bescheiden und staatliche Schulen oft von schlechter Qualität. Und so wird die Not der Menschen ja eigentlich ausgenutzt und es werden „Nachplapperer“ (um es mal böse auszudrücken) groß gezogen und dazu habe ich aktuell noch eine wankelmütige Meinung. Ich denke, dass der Glaube sehr viel Kraft, Hoffnung und Glück spenden kann, wenn man überzeugt ist. Ich denke auch, dass man selber zum Glauben – welcher Art auch immer – finden oder aber auch darauf hingewiesen werden kann, dass es da was gibt. So können Menschen überzeugte Christen und die damit verbundenen m.M.n. sehr heilsamen Werte gelebt werden. Doch ein „Eintrichtern“ finde ich vermessen. Und so währt der Konflikt zwischen „Gutes tun“ und – ohne wen auf den Schlips treten zu wollen – „Infiltration“ (ein mehr diplomatisches Wort fällt mir jetzt nicht ein). Doch am Ende gelange ich immer wieder zu der Frage: Haben die Kids denn einen Nachteil, wenn sie beten müssen? Mir fällt aktuell kein wirklich großer Nachteil ein.

Ich wünsche mir missionarische Arbeit als eine, die hilft, ohne die Gegenleistung „gläubig werden müssen“ zu erwarten. Im Grunde so, wie es in den katholischen Krankenhäusern passiert. So käme man der chrstlichen Idee des „Glauben (mit-)teilen wollen“ nach, ohne es zu erzwingen.


Werte

So… alleine das war schon ganz schön viel Stoff für meinen kleinen Kopf. Hinzu kommen ja noch die ganzen interkulturellen sozialen Situationen. Es ist für mich nicht immer leicht, fremd zu sein. Man tappst so durch die Gegend und mit ein wenig Anpassungsfähigkeit (die ich mir jetzt mal bescheinige), eckt man auch nicht ernsthaft an, dennoch kann diese Dauerbelastung des Unbekannten kombiniert mit einem ständig-in-der-Gruppe-unterwegs sein, wirklich auch mal an den Nerven zehren und es ist, zumindest für mich, einiges an Selbstbeherrschung notwendig (ich bin ja doch eher impulsiv-grummelig in solchen Situationen). Und tatarata, die Stefanie hat auch das heute geschafft. Auch wenn ich mich dauerhaft an meine Worte hier von gestern erinnern musste: Keep cool, lass‘ Dich fallen, vertraue und sei nicht so streng mit Dir.

Und wie ich so über die Situation reflektiert habe, fiel mir auf, dass ich gerade versuche, die Werte zu leben, die meiner Meinung nach z.B. Sr. Rosann und Sr. Elisabeth ganz bewundernswert vorleben:

– Respekt
– Vertrauen
– Genügsamkeit
– Gastfreundlichkeit
– ein Stück Demut und Gehorsamkeit
– Ehrlichkeit
– Hingabe
– Fleiß
– Achtung

Und ich habe gemerkt, wie schwierig das ist und wie sehr ich mir wünschen würde, das zu können.

Und so geht mein Tag jetzt zu Ende. Morgen werde ich nochmals derart geprüft, da noch einmal ein Tagesausflug ansteht. Diesmal allerdings in bekanntes Terrain nach Songea/Mijemwema. Leider hatte ich jetzt soviel zu tun, ich konnte meine Aufgaben hier (Film, Foto, Englisch-Unterricht für die Schwestern, Excel-Unterricht für Sr. Elisabeth) noch gar nicht gut vorbereiten, oder nur rudimentär. Na, wird schon. ;-)

In diesem Sinne herzlichste Grüße von einer heute erneut nachdenklichen Stefanie vom Selbsterfahrungstrip ;-)

Übrigens: Über Kommentare freue ich mich. Aus Gründen der Spam-Abwehr schalte ich diese allerdings händisch frei, also nicht wundern, wenn diese nicht gleich erscheinen.

Übrigens Nr. 2: Try your best to include the values which are mentioned before. ;-)

One thought on “Praktikum als Nonne

  1. Liebe Steffi danke für die interessanten Reiseberichte, wir lesen sie gern. Es ist schön zu wissen wie es dir geht. Versuche mal nicht so viel zu grübeln, es ist dein Urlaub und Erholung ist sehr wichtig für dich.
    Wir wünschen dir noch wunderschöne Tage. Sei lieb gegrüßt von Gela und Winne

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